Trennen sich Eheleute, hat derjenige mit einer schlechteren wirtschaftlichen Situation gegenüber demjenigen mit einem besseren Einkommen einen Unterhaltsanspruch. Meistens verfügt der Mann über ein höheres Einkommen, so dass häufig die Ehefrau unterhaltsberechtigt ist. Die Eheleute trennen sich, ab wann muss die Frau wieder arbeiten?

Es gilt der Grundsatz: je kürzer die Ehe, desto eher beginnt die Erwerbsverpflichtung.

Bei längerer Ehedauer trifft die Ehefrau in dem ersten Jahr nach der Trennung von ihrem Ehemann keine Erwerbsverpflichtung bzw. deren Ausweitung. Nach Ablauf des Trennungsjahres ist die Frau für ihren Unterhalt mehr und mehr selbst verantwortlich, Kindesbelange sind aber zu berücksichtigen. Wenn der Ehegatte also längere Zeit nicht erwerbstätig gewesen ist, trifft ihn im ersten Trennungsjahr in der Regel keine Erwerbsobliegenheit. Verfestigt sich die Trennung und ist eine Scheidung nur noch eine Frage der Zeit, orientiert sich die Erwerbsobliegenheit an den Maßstäben des nachehelichen Unterhalts mit dem Ergebnis, dass sich die Ehefrau daran gewöhnen soll, ohne Unterhaltszahlungen ihres Mannes wirtschaften zu können.

Das OLG Thüringen hat in einem brandaktuellen Beschluss, Aktenzeichen 1 UF 324/11, entschieden, dass bei einer durchgehend erwerbstätigen Ehefrau bereits nach Ablauf von sechs Monaten eine gesteigerte Erwerbsbemühung festzustellen ist, zumal minderjährige Kinder nicht vorhanden sind.

Dabei dürfe die Ehefrau jedoch nicht zur Aufnahme irgendeiner Berufstätigkeit, zum Beispiel im Callcenter oder als Verkäuferin verpflichtet werden, sondern zu einer Tätigkeit, die sich aus ihrer schon ausgeübten Tätigkeit bzw. aus ihrer bisherigen Ausbildung und beruflichen Entwicklung ergebe. Gegebenenfalls kommt auch die Aufnahme einer Nebentätigkeit in Betracht.

Auf jeden Fall muss sich die Ehefrau, die möglicherweise auf den Unterhalt des Ehemannes angewiesen ist, um einen Arbeitsplatz bemühen. Sonst wird ihr fiktiv ein Einkommen zugerechnet, das sie theoretisch erwirtschaften könnte. Im vorliegenden Fall des OLG Thüringen wurde der Ehefrau zugemutet, ihren bisher ausgeübten Beruf als Verwaltungssachbearbeiterin wieder aufzunehmen. Zumindest bis zum Erreichen des Trennungsjahres muss die Ehefrau deutlich machen, dass sie sich um eine Vollzeitstelle, also eine 40-Stunden-Arbeitswoche, bemüht hat und diese ggfs. erreicht.

Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass die Ehefrau, die nach der Trennung zunächst auf den Unterhalt angewiesen ist, sich nach einer Übergangszeit, die bei sechs bis zwölf Monaten liegt, um eine vollschichtige Erwerbstätigkeit bemühen muss. Die Ehefrau kann nicht damit rechnen, über Jahre bis zum Abschluss des Scheidungsverfahrens Unterhalt von ihrem Ehemann zu erhalten, ohne selbst zu arbeiten.

Es bleibt jedoch auch dabei, dass bei einer langen Ehe eine längere Übergangszeit als ein Jahr in Betracht kommt. Alter, Krankheit, Erwerbsverpflichtung in der Ehe und Betreuung gemeinsamer Kinder spielen bei der Beurteilung der Wiederaufnahme der Arbeitstätigkeit eine entscheidende Rolle. Der Einzelfall muss dabei betrachtet werden, ohne dass exakt vorhergesagt werden kann, ob bereits nach sechs Monaten oder erst nach einigen Jahren eine vollschichtige Erwerbstätigkeit erforderlich ist.